Das Alter macht die Töne

Mit Blumen und Urkunde überraschten Dekan Tobias Schäfer (links) und Pfarrer Thomas Lichteneber (rechts) Kantorin Heidi Brettschneider.
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Kantorin Heidi Brettschneider wurde für 30 Jahre im kirchenmusikalischen Dienst geehrt

Als hätte sie es vorher gewusst: Für den Gottesdienst Ende Januar hatte sich Dekanatskantorin Heidi Brettschneider musikalisch wieder etwas Besonderes ausgedacht – und damit den perfekten Rahmen für ihre eigene Überraschung geschaffen.

"Jetzt, wo keine Konzerte möglich sind, gestalte ich die Musik in den Gottesdiensten etwas anders", erzählt Brettschneider. An besagtem Sonntag hatten Kantoreimitglieder die Liturgie mitgesungen. Als ihnen bei den Abkündigungen gedankt wurde, sollte Brettschneider von der Orgel herunterkommen. "Hä, warum das denn?", schoss ihr als erstes durch den Kopf.

Der Grund war einfach, die Überraschung über diese öffentlich au sgedrückte Wertschätzung um so größer: Brettschneider ist seit 30 Jahren als Mitglied im Verband Evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in Bayern im kirchenmusikalischen Dienst. Dafür gab es neben der Urkunde einen musikalischen Gruß des liturgischen Chores, einen herzlichen Applaus der Gemeinde und Grußworte von Pfarrer Thomas Lichteneber, Vertrauensfrau Gudrun Zeltner und Dekan Tobias Schäfer.

Dass das Jubiläum anstand, das sei ihr schon bewusst gewesen. Denn im Monatsblatt des Verbands werden die treuen Mitglieder erwähnt. Und nachdem Brettschneider da immer wieder gerne schaut, wen sie da so kennt, entdeckte sie ihren eigenen Namen. Doch an eine Ehrung dachte sie dabei nicht: "Bei meiner vorigen Stelle wurde mir die Urkunde einfach nach Hause geschickt." Und außerdem sei sie eh nicht so der Typ, der sowas breittreten müsse.

Vertrag mit Kirche

Aber bei näherer Betrachtung muss sie zugeben: "30 Jahre sind ja nicht Nichts." Diese Zeitspanne umfasse eigentlich "nur" ihre Dienstzeit in der Kirche. "Als ich 1991 mit dem Kirchenmusikstudium begonnen habe, bin ich in den Verband eingetreten." Richtig losgegangen sei es ja schon rund fünf Jahre früher, als sie 14 Jahre alt war.

Klar, als junge Kirchenmusikerin habe sie die Leute sicher ganz anders mitgenommen. Sie denkt, die Veränderung der Musik stehe und falle mit dem Alter. "Da hat jedes seine Qualitäten." Daneben habe sich natürlich das kirchenmusikalische Leben gewandelt. Die Modernisierungswelle in Richtung Popular-Musik habe großen Zulauf erfahren. "Viele Gemeinden loben das bei Stellen auch als Schwerpunkt aus, um mehr junge Menschen in die Kirche zu locken." Doch damit werde die Arbeit nicht zwangsläufig leichter."Vor 20 Jahren war es gesellschaftlich gesehen leichter, einen Chor zu gründen." Ihre "Goodnews Gospelsingers" hatten nach einem halben Jahr rund 40 bis 50 Sänger – "und das in der Großstadt". Jetzt wäre das nicht mehr möglich – "selbst wenn ich 20 Jahre jünger wäre", sagt Brettschneider lachend.

Denn die Leute scheuten regelmäßige Verpflichtungen, hätten ein großes anderweitiges Freizeitangebot und dann sei der Sonntag oft der Familientag schlechthin, zählt die Dekanatskantorin auf. Da freut siesich um so mehr,dass Gospelchor und Kantorei in Hersbruck immer wieder Neuzugänge begrüßen können: "Sogar jetzt während Corona, wo wir nicht proben können."

Die Orgel ist ihr Element: Heidi Brettschneider hier bei einer Führung in der Hersbrucker Spitalkirche.
Bildrechte: Andrea Pitsch (Hersbrucker Zeitung)
Die Orgel ist ihr Element: Heidi Brettschneider hier bei einer Führung in der Hersbrucker Spitalkirche.

Kleine Ziele

Sie merkt, dass die Pandemie dabei ist, die Chorwelt zu verändern. Ältere könnten sich nicht vorstellen, nach so langer Pause wieder aktiv zu werden, meint sie. Andere haben sich jetzt vielleicht ein anderes Hobby gesucht und bleiben dann dabei. Und: "Es fehlen die Ziele und Konzerte." Daher versuche sie, in kleinere Formate zu gehen und die Gottesdienste zu nutzen. Bang wird ihr bei diesen Überlegungen um die Hersbrucker Chöre aber nicht: "Die haben so ein großes und tiefes Gemeinschaftsgefühl." Ja, sie würden sich verschlanken, aber das sei ein "natürlicher Ablauf".

"Gut gelandet"

Neben diesen Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre ist ihr ein persönliches Highlight in Erinnerung geblieben – als sie 2015 das "Magnificat" von John Rutter dirigiert hat. "Wenn du das machen kannst, dann bist du gut in deinem Job gelandet", das habe sie sich damals gedacht. Viele Zuhörer sahen das anders. "Du gehörst woanders hin" hörte sie öfter. Diese Worte und der Erfolg bestärkten sie, sich in Hersbruck als Dekanatskantorin zu bewerben. "Die Stelle und ich, wir haben uns gefunden", schwärmt Heidi Brettschneider. Hier konnte und will sie weiter durchstarten.

Copyright (c) 2021 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 05.02.2021