Die Emotionen von 365 Tagen

Schlafen, obwohl sie versprochen haben, mit Jesus zu wachen: Jakobus, Johannes und Petrus kauern schlummernd am Boden, Jesus betet im Hintergrund.
Bildrechte Ute Scharrer (Hersbrucker Zeitung)

Am 16. März ist der Jahrestag des Lockdown – Abendgebets-Aktion des Dekanats Hersbruck

An Gottesdienste und Beten ganz digital mussten sich Pfarrer wie Gläubige gewöhnen. Auch zum ersten Jahrestag des Lockdowns bietet ein Video zum Abendgebet einen virtuellen Gemeinschaftsmoment.

"Still ist es geworden." So heißt es im Liturgieentwurf einer Arbeitsgruppe des Dekanats Hersbruck für ein Abendgebet am 16. März. Da jährt sich der Lockdown zum ersten Mal. Doch das Pfarrkapitel hat sich entschieden, dieses Jahr nicht still zu sein, sondern versucht, die Sprachlosigkeit angesichts der gegenwärtigen Situation in Worte zu fassen.

"Wir Pfarrer hatten alle das Gefühl, dass wir nicht nichts sagen können an diesem Jahrestag", erzählt Dekan Tobias Schäfer. Schließlich handle es sich beim Lockdown um ein allgemeingesellschaftliches Grundthema und ginge alle an.

Die Anregung, sich überhaupt an diesem Gedenken zu beteiligen, sich an die politische Initiative von Bundespräsident Walter Steinmeier dranzuhängen, sei der evangelisch-lutherischen Landeskirche gekommen. Aber: "Wir wollten kein Gedenken nur der an Covid-Verstorbenen gestalten. Wir wollten vielmehr die gegenwärtige Not von uns Lebenden zur Sprache und hoffnungsvoll vor Gott bringen."

Denn der Toten werde in der evangelischen Kirche am Ewigkeitssonntag gedacht und zudem sei Corona mehr als Trauer und Tod: "Die Krise schlägt ja überall durch." Und dabei stellten und stellen sich viele Pfarrer die Frage, welche Rolle Kirche in der Pandemie spielt und welche Verantwortung sie dabei haben, so Schäfer. "Im vergangenen Jahr haben wir uns ja erst einmal solidarisch mit der Politik erklärt und Gottesdienste eingestellt", blickt er zurück. Danach aber seien die Diskussionen um Religionsfreiheit und -ausübung aufgekommen.

Schäfer betont, dass es bei der Initiative nicht um eine Positionierung geht: "Wir sind die, die das Recht haben, Dinge beim Namen zu nennen, ohne anzuklagen oder zu verurteilen. Die Ängste und Hoffnungen miteinander teilen können – vor Gott. Wir können bewusst sagen, dass die Situation nicht leicht ist und wir das miteinander tragen wollen." Aufgabe einer Glaubensgemeinschaft sei es, zusammenzustehen.

"Und zwar in guten wie in schlechten Zeiten", sagt Schäfer. In beidem begleite die Kirche die Menschen und daher wollen der Dekan und seine Kollegen am 16. März einen besonderen Gemeinschaftsmoment anbieten – mit einem Abendgebet in Video- oder Textform. "Abends nach der Arbeit haben die Leute Zeit und außerdem hatte das Abendläuten im ersten Lockdown ja eine große Bedeutung als eine Art Gottesdienstersatz", begründet Schäfer den Zeitpunkt.

Erarbeitet haben den Liturgie- und Textentwurf neben Dekan Schäfer die PfarrerInnen Estelle Kunad-Wittenberg, Lisa Weniger, Kathrin Klinger und Gottfried Kaeppel. Wer nun Bedenken habe, der Tenor gehe in die Richtung "im Vertrauen auf Gott wird alles gut", der irrt, verrät Schäfer: "Wir wollen um Hoffnung, Gelassenheit und alles, was uns fehlt, beten. Aber es wird eine Fürbitte mit offenen Fragen bleiben."

Grundlage für die Fürbitten sind O-Töne von Menschen aus den verschiedenen Kirchengemeinden. "Wir wollten hinhören, was die Leute sagen und was sie beschäftigt." Angst, Wut, Trauer, Enttäuschung und Unsicherheit gehören zu den Emotionen, die die Arbeitsgruppe in Worte gefasst hat. Worte, von denen sich auch weitere Dekanats- und katholische Kollegen im Kirchenkreis Nürnberg angesprochen fühlen, so Schäfer: "So wird diese ,evangelische ’ Idee ökumenische Kreise ziehen."

Welche Kirchengemeinden sich an der Aktion am kommenden Dienstag beteiligen und wo und wann das Abendgebet dort stattfindet, bitte im jeweiligen Pfarramt erfragen. Dieses Abendgebet als Video ist ab Dienstag, 16. März, unter https://www.youtube.com/watch?v=7fvBSV2ZYuw zu sehen.

Copyright (c) 2021 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 12.03.2021