Dreher, Präludium und freies Schweben

Mit ihrem Mann Jürgen als verständigem Umblätterer holt Dekanatskantorin Heidi Brettschneider Barockkompositionen in die Gegenwart.
Bildrechte: Ute Scharrer (Hersbrucker Zeitung)

Vier Kirchenmusiker bieten eine große Bandbreite beim Orgelkonzert in der Hersbrucker Stadtkirche – Unvergessliche Stunde für die Zuhörer

E-Musik oder U-Musik: interessiert das eigentlich jemanden? Jedenfalls nicht die Musikliebhaber, die zum ersten Mal seit dem coronabedingten Lockdown wieder ein Konzert in der Stadtkirche genossen haben.

Sichtbar glücklich sind sie, großzügig im Gotteshaus verteilt. Der Begriff "voll besetztes Kirchenschiff" bekommt hier eine ganz neue Bedeutung und fühlt sich sehr luftig an. So können die Konzertgäste jedoch ohne Berührungsängste der anderen Art Orgelmusik anhören und bekommen eine facettenreiche Mischung der Stile von gleich vier Kirchenmusikern kredenzt.

Erhebend oder unterhaltend, erheiternd oder unter die Haut gehend, diese Kategorien sind nicht so wichtig, wenn man sich auf Musik einlassen möchte. Dekanatskantorin Heidi Brettschneider, die Kirchenmusikdirektoren Karl Schmidt und Gerd Kötter und Kirchenmusikstudent Maximilian Hutzler geben hierfür reichlich Gelegenheit und spiegeln in der Bandbreite ihrer Darbietungen in gewisser Weise auch das Auf und Ab der Emotionen in den vergangenen Wochen und Monaten wider.

Wechsel der Gefühle

Heidi Brettschneider hat sich für die sensible Interpretation von Barockkomponisten entschieden und spielt Dietrich Buxtehude, Nicolaus Bruhns und Johann Sebastian Bach. Deren "himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt" ist in eine komplizierte, aber nachvollziehbare Ordnung gefügt, innerhalb derer sich die Fülle menschlicher Empfindungen frei entfalten darf. Brettschneider, deren Mann Jürgen ihr aufmerksam die Seiten umblättert, holt die jahrhundertealte Musik mit Gusto ins Hier und Jetzt.

Eine andere Herangehensweise pflegt Gerd Kötter. Sein Notenblatt enthält nur wenige Zeilen und er nähert sich den Chorälen, die jeder Kirchgänger im Ohr hat, intuitiv. Maximilian Hutzler, der an der Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart studiert, teilt sich die Improvisation zu "Morgenglanz der Ewigkeit" mit ihm, klemmt kleine Holzkeile für einen ätherischen Klangteppich zwischen die Tasten.

Dann spielen die beiden vierhändig – oder zweifüßig und zweihändig, allerdings Füße und Hände zweier Personen. Gemeinsam kreisen sie die Hauptmelodie ein und lassen sie in den Windungen der improvisierten Klang-Ausflüge immer wieder aufblitzen. Für die Improvisation zu Worten aus Psalm 104 trennen sich beide räumlich noch einmal viel weiter. Hutzler wirft Kötter unten aus dem Altarraum vom Orgelpositiv aus die Klangbälle zu, Kötter pariert sie von der Orgel auf der Empore. Das kommt ganz zart geflötet, verdichtet sich zum Schnaufen eines herannahenden Zuges und wummert schließlich körperlich spürbar durch die größten Pfeifen des Pfeifenwerks, um zum Ende hin in den Zimbeln zu verzittern.

Karl Schmidt setzt noch einmal ganz andere Akzente. Man könnte meinen, dass er ohne die Verpflichtung der sonntäglichen Gottesdienstbegleitung seine Ader für heitere Musik ungehindert pflegen kann. Zum Gaudium der Anwesenden lässt er, kaum sitzen die ausgetretenen Orgeltreter an den Füßen, mit Choralvorspielen des Zeitgenossen Thomas Riegler regelrechte Kirmesstimmung aufkommen. Da stört es nicht, wenn er dem sich drehenden Karussell noch einmal in die Speichen greifen muss, damit es zum Halten kommt, weil an der Orgel die falsche Ebene eingeloggt worden ist.

Heiter und schwungvoll sind die zeitgenössischen Kompositionen, die Karl Schmidt zu Gehör bringt. Maximilian Hutzler assistiert.
Bildrechte: Ute Scharrer (Hersbrucker Zeitung)

Schön, wenn kirchliche Orgelmusik wie die von Christopher Tambling Reminiszenzen an Zarah Leander-Schlager hervorruft. Schön, wenn sich aus Rieglers "Vergissmeinnicht", "A zünftige Musi" und dem "Peace-Boogie" die alten Schlager der kirchlichen Jugendgruppen und Zeltlager herausschälen: "Vergiss nicht zu danken", "Halte zu mir guter Gott" und "Gib uns Frieden jeden Tag".

Endgültig nach oben rutschen die Mundwinkel im Publikum, als Schmidt mit schelmischem Gesicht Scott Joplins "Entertainer" anstimmt. Der klingt bei ihm so insistierend selbstbewusst und fidel, als sei es nie für ein anderes Instrument als die Orgel gedacht gewesen.

Der Applaus,den dieZuhörer auf Bitten von Pfarrer Thomas Lichteneber bis zum Schluss aufgespart haben ("dann aber bitte doppelt so laut und fünfmal so lang!") wird den Musikern im Stehen dargebracht. Sie haben einem nach guter Musik ausgehungerten Publikum eine unvergessliche Stunde beschert.

UTE SCHARRER

Copyright (c)2020 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 24/07/2020