Fürs Jenseits gibt es keine Landkarte

Hat keine Landkarte für das Jenseits, aber einen Kompass für das Diesseits: Pfarrer Thomas Lichteneber bei seinem Vortrag.
Bildrechte: Ute Scharrer (Hersbrucker Zeitung)

Pfarrer Thomas Lichteneber referiert über christliche Jenseitsvorstellungen – Teil drei der Vortragsreihe zog viele Besucher an

"Muss ich mich fürchten?" Dieses Filmzitat eines Sterbenden aus dem Hollywoodstreifen "Rendezvous mit Joe Black" dient Stadtpfarrer Thomas Lichteneber als Einstieg in seinen Vortrag über das "ewige Leben", spiegelt es doch die Urangst des Menschen vor dem Tod und seine Unwissenheit darüber, was danach kommt. Mit einer Mischung aus aktuellen theologischen Erkenntnissen, Bibelstellen, Lebenserfahrung und sehr persönlichen Einsichten bot Thomas Lichteneber einen vielseitigen Abend mit vielen Facetten der Gedanken, die sich seit jeher über das Jenseits gemacht werden.

Vom Alten Testament und seiner Haltung zum ewigen Leben arbeitete sich Thomas Lichteneber zum Neuen Testament vor. In den ältesten Schriften der Bibel ist noch keine Rede von einem Leben nach dem Tod und somit das Ende des Lebens auch die endgültige Trennung des Menschen von Gott. Das wandelt sich allmählich, bis in den Augen der Gläubigen der Tod nicht mehr die Macht hat, die Gemeinschaft des Menschen mit Gott aufzuheben – auch wenn noch zu Jesu Zeiten debattiert wird, ob es eine Auferstehung gibt oder nicht und diese Debatte bis heute nicht endet.

Im Brief von Paulus an Timotheus heißt es dann: "Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen an das Licht gebracht durch das Evangelium." Hinterfragt wird die Auferstehung – die von Jesus und die aller Menschen nach dem Tod – bis in die heutige Zeit. Der Theologe des 20. Jahrhunderts, Rudolf Bultmann, möchte die Erzählung von der leiblichen Auferstehung Jesu nach seinem Kreuzestod nicht als historisch verstanden wissen. Der Neutestamentler Gerd Theißen allerdings sieht das Kreuz Jesu als eine sichere Tatsache und steht damit nicht allein da. Lichteneber persönlich hält die Auferstehungsberichte für glaubwürdig.

"Protestleute gegen Tod"

Die Auferstehung kann man in seinen Augen aber nicht trennen von einem Verständnis der Sünde. Lichteneber wertet die Sünde (von mittelhochdeutsch "Sund"= Graben) nicht als moralische Verfehlungen, sondern als Trennung von Gott und Mensch, die nur von Gottes Seite aufgehoben werden kann: durch die Erlösungshandlung Jesu am Kreuz.

Lichteneber resümiert: Für den Sterbenden hat der Tod seine Schrecken nicht verloren, aber ihm steht die Auferstehungshoffnung entgegen. So sind Christen laut Christoph Blumhard, einem schwäbischen Pfarrer des 19. Jahrhunderts, "Protestleute gegen den Tod".

Als wichtigsten Text für Beerdigungen nennt Thomas Lichteneber denn auch die Verse im Johannesevangelium, wo Jesus sagt: "Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?" – ein tröstliches Bild für Trauernde. Die Wegbeschreibung zu diesem Ort verweigert Jesus allerdings. Hier wie so oft gilt für Lichteneber als ganz wichtiger Satz: "Das Jenseits kennt keine Topographie. Ich heiße auch Thomas, wie der Jünger,der zu Jesus sagt:'Herr,ich kenne den Weg nicht!'", bekennt Lichteneber mit einem Augenzwinkern seine Unfähigkeit, die Antworten auf diese drängenden Fragen zu geben – selbst als Pfarrer. Eins könne er aber ganz klar sagen: Das Leben vor dem Tod, das wir zu verantworten hätten, sei wichtigerals allesFantasierenüber das Leben und Geschehen nach dem Tod.

Behutsam, die Worte mit Bedacht wählend und immer offen für die Fragen und Beiträge seiner über 40 Zuhörer oder seines katholischen Kollegen Wunnibald Forster, tastet sich Thomas Lichteneber durch das unkartierte Gebiet des Jenseits, wo lineares Denken nicht mehr greift, Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit herrscht und es Fragen gibt, die seit 2000 Jahren und länger nicht zu beantworten sind.

Kein Grund zur Furcht

Doch in allem, was er nicht weiß, will Lichteneber Trost spenden und verantwortlich vom Tod reden. In einem "Raum des Vertrauens", den dieser Abend durch respektvolles gegenseitiges Zuhören bildet, kommen die Anwesenden auch mit sehr persönlichen Erfahrungen zu Wort.

Am Ende beantwortet Thomas Lichteneber die Anfangsfrage des Sterbenden aus dem Film "Rendezvous mit Joe Black": "Muss ich mich fürchten?" mit Nachdruck: "Nein! Definitiv! Ganz und gar nicht!"

UTE SCHARRER

Der nächste Abend der Vortragsreihe "Was kommt nach dem Tod?", die der Raum der Stille gemeinsam mit der Bildungsarbeit des Dekanats Hersbruck veranstaltet, findet am 10. Januar um 19.30 Uhr im Moscheeraum in der Ostbahnstraße 4 nahe des Wassertors statt, wo ein Imam der Türkisch-Islamisch-Kulturellen Union Hersbruck Ditib über die Jenseitsvorstellungen und Bestattungskultur im Islam spricht.

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Copyright (c) 2019 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 07.12.2019