Gefühle vor und hinter dem Bildschirm

Vor zwei Kameras mussten Dekan Tobias Schäfer und Pfarrer Thomas Lichteneber (hinten) die Ruhe bewahren.
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Ende August kam der ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Hersbrucker Stadtkirche – Kleinere Pannen – Überrascht vom großen Zuschauer-Feedback

Da mal ein Versprecher, hier eine falsche Uhrzeit und eine fehlende Strophe: "Aber diese Fehler fallen dem Zuschauer nicht auf, weil das Gesamtprodukt einfach gestimmt hat." So analysiert Dekan Tobias Schäfer den ZDF-Fernsehgottesdienst im Nachgang.

Daher würde er sagen, die Live-Sendung von Ende August aus der Hersbrucker Stadtkirche sei perfekt gewesen, "weil sich die Reibungsenergie im Vorfeld gelohnt hat". Der Dekan schmunzelt, wenn er daran denkt, wie viel "Harakiri" er, Pfarrer Thomas Lichteneber, Dekanatskantorin Heidi Brettschneider sowie die 30-köpfige ZDF-Mannschaft im Vorfeld bewältigen mussten. Doch genau das habe sie als Team zusammenwachsen lassen, ist auch Brettschneider überzeugt.

"Alle, die skeptisch waren – vor allem die Lichttechniker –, sind an der Aufgabe gewachsen", bestätigt Schäfer. Sogar dieGästeaus Mainz hätten selten so eine gute Stimmung bei einem Dreh erlebt:"Nach der Übertragung sind wir alle draußen gestanden und haben gemeinsam durchgeschnauft."

Diverse Leuchter strahlten Protagonisten und Kirche an.
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Mit der Stoppuhr

Das musste vor allem Brettschneider. Ihr Druck aufgrund des zeitlichen Limits von maximal 44:30 Minuten für den Gottesdienst war enorm. "In der Generalprobe waren wir 2:40 Minuten drüber und das hätte dann live die Musik ausgleichen sollen", erzählt Schäfer. Daher hatte Brettschneider einen Knopf im Ohr, die Zeit wurde stets mitgestoppt.

"Noch 30 Sekunden" hörte sie da vor dem Start und dann die Ansage, wieviele Strophen sie bei einem bestimmten Lied spielen sollte. "Das hab' ich nur falsch verstanden, weil ich immer dachte, wir sind hinter der Zeit", sagt die Kantorin. Und schon war eine Strophe weg und der Gottesdienst nach 42:30 Minuten vorbei. Obwohl das Orgelnachspiel ganz gezeigt wurde – sehr zur Freude der Zuschauer,wie Lichteneber in etlichen Rückmeldungen erfahren hat. Da musste dann ein Redakteur rasch in Mainz anrufen und sagen, dass die Lücke gefüllt werden muss, berichtet Schäfer: "Da war aber keiner böse, weil sonst alles gepasst hat." Und das trotz riesiger Anspannung. "Ich habe mich schon gefragt, wie ich locker bleiben soll,als die Kamera bis auf wenige Zentimeter an meine Finger herankam", gibt Brettschneider zu. Ähnlich ging es Dekan Schäfer, als er den zweiten Satz nicht so herausgebracht hatte, wie er ihn stundenlang geübt hatte: "Da wurde der Mund trocken, weil ich wollte es ja gut machen." Auch schon vor dem Gottesdienst war das Gefühl seltsam für ihn. "Man sitzt da in der ruhigen Kirche, da schallt es "noch fünf Minuten", dann kommt "Jingle läuft" und man hört nichts und plötzlich donnert die Orgel los." Wenn man dann vorne im Altarraum stehe, sehe man nur die Kamera. "Ich fand es einfacher, nur mit der zu kommunizieren ohne Gemeinde dahinter", meint Schäfer. Auch für die anderen Mitwirkenden und die ZDF-Leute sei es gut gewesen, sich nur aufs Fernsehen konzentrieren zu können.

Die ursprünglich angedachten wenigen Zuschauer mussten aufgrund der Hygienemaßnahmen kurzfristig wieder ausgeladen werden. "Das war für die Personen kein Problem, einige hatten sogar damit gerechnet", erzählt Pfarramtssekretärin Christine Gölkel. Sie würden eben gemeinsam daheim vorm Fernseher den Gottesdienst feiern statt in der Kirche, so der Tenor.

Lieber Menschen

Pfarrer Lichteneber bereitete der Fokus auf die Kamera dagegen schlaflose Nächte. "Ich spreche lieber vor 600 Leuten frei, denn da habe ich Blickkontakt." Der Dreh sei daher für ihn ein "großer Kraftakt" gewesen, der ihm aber zugleich gezeigt hätte, dass man über die Gemeindegrenzen hinausdenken müsse. Diese Glaubensfeier haben laut ersten ZDF-Auswertungen im Schnitt 800.000 Menschen verfolgt; in der Spitze am Ende waren es sogar 960.000. "Dass die Leute nicht weggeschaltet haben, das spiegelt die Qualität wider", hat Schäfer von den TV-Experten gelernt.

Er sieht sich sowie seine Mitstreiter Brettschneider und Lichteneber nur als "sichtbare Spitze" eines großen Trosses aus Musikern, Helfern, TV-Team und Pfarramtsverwaltung – eine Mannschaft, die etwas vollbracht und transportiert hat. "Viele haben gespürt, dass hier Haupt-, Ehrenamtliche und Gemeinde zusammenstehen", greift Gölkel ein Beispiel aus dem Feedback heraus.

Dieses erreichte Schäfer & Co. über das ZDF-Zuschauertelefon, das den ganzen Sonntag über geschaltet war, sowie per Mail und Anrufe direkt ans Pfarramt. Darin sei die Tiefe der Feier gelobt worden, die dank der Feinheit der Mitwirkenden entstanden sei, oder auch die Unterschiedlichkeit von Lichteneber und Schäfer, die sich dadurch gut ergänzt hätten.

"Einer ließ uns wissen, dass das einer der berührendsten und bewegendsten Gottesdienste beim ZDF gewesen ist", so Gölkel. Viele kündigten an, sie würden den schönen Ort Hersbruck bald besuchen, und lobten die Musik, die den Inhalt perfekt abgerundet hätte. "So eine Einheit zu schaffen, das ist ein Glücksmoment", sagt Schäfer voller Freude.

Derweil überschlägt Lichteneber grob, wieviele Menschen wohl versucht haben, beim Zuschauertelefon anzurufen: "Das müssen zwischen 18.000 und 20.000 gewesen sein. Verrückt." Dazu hat Gölkel eine Woche lang Mails beantwortet. "Wir haben nicht damit gerechnet, für die Öffentlichkeit danach so greifbar sein zu müssen", geben die vier zu.

Unter die Fragen und Bitten um Informationen haben sich auch "ganz viele seelsorgerische Gespräche" rund um das Thema "Leben in Balance oder schwebend die Mitte finden" gemischt, so Gölkel. Ihr wurde dadurch bewusst: "Es ist zwar eine TV-Produktion, aber es geht um den Menschen." Wer die Live-Übertragung Ende August verpasst hat, kann den Gottesdienst noch bis 2025 in der ZDF-Mediathek ansehen.

Copyright (c) 2020 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 11.09.2020