Geldanlage mit gutem Gewissen – Oikocredit hilft Menschen in sozial schwachen Gebieten, Existenzen aufzubauen – Scheine aus dem "reichen Norden"

Joachim Pietzcker
Bildrechte: M. Wildner (Hersbrucker Zeitung)

Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde, doch kann auch Geld nachhaltig angelegt werden? Ja, sagt Joachim Pietzcker von der Genossenschaft Oikocredit. Das Konzept klingt einfach: Der "reiche" Norden der Welt legt Geld an, wodurch im "armen" Süden Mikrokredite ermöglicht werden. Wiedas genau funktioniert, erklärte Pietzcker.
 
Wenn hierzulande über Kredite gesprochen wird, ist meist die Rede von größeren Geldanleihen, wie für einen Hausbau oder Autokauf. In Ländern wie Afrika oder Indien sind besonders für die ländliche Bevölkerung schon 100 Dollar eine große Investition. Um dennoch eine Anleihe zu ermöglichen, gibt es Mikrokredite. Solche vergibt die Genossenschaft Oikocredit,dievor gut 40 Jahren vom ökumenischen Rat der Kirchen in den Niederlanden gegründet wurde.

Joachim Pietzcker vom Oikocredit Förderkreis Bayern machte im gut besuchten Selneckerhaus deutlich, wie nach der Vorstellung der Genossenschaft Geld zu "gutem Geld" werden kann. Der Männerkreis der Stadtkirche, der Cocoyoc Weltladen und die Fairtrade Stadt Hersbruck hatten zu dem Abend eingeladen.

Das Prinzip ist simpel: Kapitalanleger geben einen Geldbetrag als Anleihe an Oikocredit, die das Geld an eine der aktuell 750 zertifizierten Partnerorganisationen weltweit weiterleitet. An diese können sich Menschen wenden, die einen Mikrokredit – zum Beispiel für eine Existenzgründung – brauchen.

Die Partnerorganisationen kümmern sich darum, dass das geliehene Geld in Raten zurückgezahlt wird. Will ein Anleger seine Summe zurück, bekomme er es innerhalb von vier Wochen wieder,so Pietzcker. Die Förderkreise haben dabei eine Übermittlungsfunktion – sie "sammeln" das Geld der Mitglieder und leiten es an die Zentrale in Holland weiter.

Der große Unterschied zu herkömmlichen Anlagehäusern: Oikocredit ist keine Bank und die Anlageform sei nicht darauf aus, einen möglichst hohen Ertrag aus dem eingesetzten Geld herauszuholen. Die soziale Wirkung sei wichtiger als spekulative Anlagen: Menschen in armen Ländern eine Chance zu geben, sich selbst eine Existenz aufzubauen – und nicht einfach Geld zu spenden. Deshalb schreibt sich die Entwicklungsgenossenschaft auch eine "Zusammenarbeit auf Augenhöhe" auf die Fahnen. Die Rendite für den Anleger beträgt höchstens ein Prozent.

Mit den Mikrokrediten fördere Oikocredit zudem die Gleichberechtigung im jeweiligen Land, denn 84 Prozent der "Nutzer" seien Frauen. "Sie sind in vielen armen Ländern die Stütze der Familie", erklärte Pietzcker die dort oft noch vorherrschende traditionelle Geschlechterteilung. Er erzählte von einer Straßenköchin in Peru, die durch einen Mikrokredit kleine Räumlichkeiten finanzieren konnte, um ihr Essen auch an regnerischen Tagen zu verkaufen. Weil Menschen wie sie ohne finanzielle Sicherheiten keinen Zugang zum herkömmlichen Kapitalmarkt hätten, seien sie auf eine Kreditgemeinschaft angewiesen.

Gegenseitige Hilfe

Diese gebe bei regelmäßigen Zusammenkünften auch Ratschläge, zum Beispiel wie man ein Geschäft aufbaut. Und die Mitglieder würden sich gegenseitig helfen, wenn einer mal seine monatliche Rate nicht zurückzahlen kann.

Neben den nachhaltigen Geldanlagen investiert Oikocredit auch in erneuerbare Energien sowie in Landwirtschaft und fairen Handel. Die Genossenschaft arbeitet unter anderem mit Kaffeekooperationen zusammen und unterstützt sie.

Unter den Besuchern des Abends waren einige, die bereits Mitglied bei Oikocredit sind und eigene Erfahrungen zu berichten wussten. Klaus Wiedemann erzählte, er habe 1989 seinen ersten Anteil gekauft und sei von der Kirchengemeinde barsch zurückgewiesen worden, als er auch dieser den Vorschlag machte. "Wir haben in der Tat drei Anläufe gebraucht, bis wir von der Landessynode Unterstützung bekommen haben", ergänzte Pietzcker. "Keine mündelsicheren Anlagen" und "zu unsicher" seien damals die Argumente gewesen. Jedoch könne Oikocredit dagegenhalten, dass seit der Gründung kein Anleger Geld verloren habe. Pfarrer Helmut Gerstner aus Alfeld hingegen brachte ein positives Beispiel aus seiner Kirchengemeinde: Dort sei es kein Problem gewesen, bei Oikocredit Mitglied zu werden.

Ulrike Eyrich von der Fairtrade Stadt Hersbruck wollte wissen, wie die Genossenschaft damit umgehe, dass "Arme" die Rendite für die "Reichen" erwirtschaften. Pietzcker erklärte, dass sich Oikocredit mit einer maximalen Renditenauszahlung von einem Prozent im Vergleich zu anderen Firmen am unteren Rand bewege. Es gebe auch Mikrofinanzunternehmen, die bis zu sieben Prozent Rendite versprechen – das halte er aber für unseriös. Zudem müsse man sich auch gegen eine große Konkurrenz auf dem Weltmarkt durchsetzen.

Copyright (c) 2019 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 06.06.2019