"Ohne die Wahrheit gibt es keine Freiheit"

Fürbitten von Erzpriester Apostolos Malamoussis und Pastoralreferentin Ursula Clasen, hinten links Pastor Wolfgang Rieker, vorne rechts Pfarrer Thomas Wrensch.
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Im Gedenkgottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus wurde auch die aufklärerischen Verdienste von Gerd Vanselow erinnert

"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar": Diese Aussage von Ingeborg Bachmann hat sich wie ein roter Faden durch den Gedenkgottesdienst in der Hersbrucker Stadtkirche am Freitagabend gezogen. Das Leben und Wirken von Gerd Vanselow stand ebenfalls im Mittelpunkt des Erinnerns.

Weder die Sanierung der Spitalkirche noch die Corona-Pandemie konnten den engagierten Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck an der Vorbereitung eines Gottesdienstes zum Gedenken der Befreiung Hersbrucks und der Opfer des Nationalsozialismus hindern. Zwar wegen Corona zeitversetzt, denn eigentlich wird immer am 27. Januar der Opfer gedacht, aber dennoch intensiv vorbereitet, wurde der Gottesdienst nun am 16. April in der Stadtkirche gefeiert.

Zur Einstimmung erklang die Oboe, gespielt von Beatrix Köhle. Untermalt von diesem klagenden Klang verlasen Jugendliche vom evangelischen Dekanat etliche Namen von Opfern.
Gute Zusammenarbeit

Pfarrer Thomas Wrensch begrüßte und betonte die ökumenische Verbundenheit im Gedenken an die wichtigen Ereignisse. Der Gottesdienst wurde gemeinsam vorbereitet und verantwortet von der evangelisch-lutherischen Stadtkirche und dem Dekanat, der katholischen Kirche, der evangelisch-methodistischen Kirche sowie der griechisch-orthodoxen Metropolie von Deutschland.

Nach einem weiteren Musikvortrag von Orgel (Ruth Barkowski) und Oboe wandte sich Luise Treuheit an die Versammelten. Im Raum Hersbruck ist Gerd Vanselow vielen ein Begriff. Er verstarb im Dezember 2019 im Alter von nur 55 Jahren in Sambia. Als Abiturient am Paul-Pfinzing-Gymnasium wählte er für die damals noch übliche Facharbeit ein geschichtliches Thema. Dem jungen Happurger war es ein Anliegen die Wahrheit über das Konzentrationslager zu beleuchten.

Luise Treuheit widmete sich ganz besonders dem Gedenken an Gerd Vanselow und dessen mutiges Wirken. Er hätte damals massive Anfeindungen aus der Bevölkerung für sein Werk und das "Hervorholen" der zum Teil verdrängten Erinnerungen erleiden müssen. Sie erinnerte an Vanselows Geschichtslehrer Rainer Weiß, der den Abiturienten unterstützte, damit er allen Anfeindungen zum Trotz dem Druck standhielt. Sie zog die Parallele zu der Aussage von Ingeborg Bachmann. "Das scheint mir auch der Kerngedanke, die Maxime, von Gerd Vanselow gewesen zu sein", sagte sie. "Die Wahrheit kann schmerzen, aber gerade dann ist es manchmal nötig, sie auszusprechen und zuzumuten."

Der anschließende Liedvortrag "Noch eh die Sonne am Himmel stand…" wurde von Orgel, Oboe und Vokal von Pfarrer Wunnibald Forster intoniert. Es folgte eine beeindruckende Sprech-Motette und Lesung von Dekan Tobias Schäfer, Dekanatsjugendreferent Alexander Loos und Mitarbeitern der Evangelischen Jugend. Sie zeigten deutlich auf, welche Wahrheit dem Menschen zumutbar ist.

Pastor Wolfgang Rieker begann mit Fakten, sprach von fast 4000 Toten in Hersbruck und Happurg und nahezu 10 000 Häftlingen in diesem Lager. Auch er erinnerte an die großartigen Leistungen von Vittore Bocchetta und Gerd Vanselow. Er referierte über den Begriff "Wahrheit" und fragte: "Was ist Wahrheit und ist sie immer den Menschen zumutbar?" Er sprach davon, dass sie frei mache und dass es keine Freiheit ohne die Wahrheit geben könne.

Nach einem weiteren Musikstück mit Orgel und Oboe erfolgten die Fürbittengebete von Pastoralreferentin Ursula Clasen und Erzpriester Apostolos Malamoussis. Der 80-Jährige ist zuständig für die Gedenkarbeit seiner Kirche und lässt es sich nicht nehmen, zu den Gedenkgottesdiensten in Hersbruck extra aus München anzureisen.

Klaus Wiedemann vom Doku-Verein erinnerte an Martin Luther, der im April vor 500 Jahren als Mönch vor dem Kaiser stand und seine Rom-kritischen Thesen widerrufen sollte. Er weigerte sich. "Und heute", so Wiedemann, "sind wir dankbar für eine gute ökumenische Zusammenarbeit." Ein ganz besonderes Gedenken galt der 65th US Infantry Division und der Befreiung durch ihren Einmarsch am 15./16. April 1945. Und da war sie wieder, die Brücke zu diesem (verschobenen) Gedenkgottesdienst und dem Datum am 16. April 2021.

Wunnibald Forster sang mit seiner markanten Stimme das bekannte Lied "Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht…". Nach dem Segen durch Pfarrer Wrensch ertönte zum Ausklang wieder die Oboe und dazu wurden weitere Namen von Häftlingen genannt.

Landrat Armin Kroder, der Hersbrucker Bürgermeister Robert Ilg und Polizeihauptkommissar Bernhard Distler waren der Einladung zum Gedenkgottesdienst gefolgt. Auch Fritz Körber, der ehemalige Bezirksrat und Hauptakteur für die Kontakte nach Oradour, nahm teil.

Diese Blumen wurde an der Skulptur im Rosengarten niedergelegt.
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Eine kleine Abordnung legte anschließend Blumen an der Skulptur "ohne Namen" von Vittore Bocchetta im Rosengarten nieder. Auf den sonst üblichen gemeinsamen Schweigeweg musste Coronabedingt verzichtet werden.

Copyright (c) 2021 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 19.04.2021