Predigt in Holz und Farbe

Der Hersbrucker Altar ist ein einzigartiges Zeugnis spätgotischer Sakralkunst. Viele Spuren weisen darauf hin, dass der Altar der Werkstatt Wolfgang Katzheimers in Bamberg entstammt.
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Aus der Serie „Kirchengeheimnisse“ des Sonntagsblatts: Der rätselhafte Hersbrucker Altar und seine Kirche

Thomas Lichteneber ist immer wieder ergriffen, wenn er das Portal der Stadtkirche in Hersbruck durchschreitet. "Die Wände scheinen rund 1000 Jahre Freud und Leid der hier Betenden widerzuspiegeln", sagt der Pfarrer, der vor fünf Jahren nach langer Zeit im "evangelischen Exil" in Oberbayern zurück nach Mittelfranken gekommen ist. "Diese Kirche ist ein Energiezentrum, und der Altar ist eine ihrer Kraftquellen", erklärt der in Bad Windsheim aufgewachsene Geistliche.

Nur wenige Kilometer entfernt von seinem Heimatort steht die Ipsheimer St. Johanniskirche, die einen Barockaltar aus dem Jahr 1738 besitzt. Der stand bis 1961 dort, wo sich der "Kirchenväteraltar" mit den kunstvoll geschnitzten Figuren der vier großen "Kirchenlehrer" Gregor, Hieronymus, Ambrosius und Augustinus, die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm und auf der Mondsichel stehend umringen, seit 60 Jahren wieder befindet.

Einsam im Museum

Vorher hatte er dem jetzt modernen barocken Altar nach einer Kirchenrenovierung und -aufstockung in den Jahren 1737/38 weichen müssen. Der Schrein wurde im Rathaus verstaut, seine Flügel blieben an den Seitenwänden im Chorraum hängen, wovon heute noch Spuren zeugen. 1866 schließlich war Freiherr von und zu Aufseß, der 1852 das GNM gegründet hatte, auf der Suche nach spannenden Exponaten des Mittelalters dem Altar auf die Spur gekommen. Dankbar, für den ein einsames Dasein fristenden Altar ein angemessenes Zuhause gefunden zu haben, stimmte der damalige Kirchenvorstand einer Leihgabe auf 99 Jahre zu.

Als die langsam gezählt waren, besann man sich in den 1950er-Jahren in Hersbruck wieder auf den Schatz, das Museum wollte einer Rückführung aber nicht mehr einfach so zustimmen. Erst, als die Kirchengemeinde einen neuen Platz für den Barockaltar in Ipsheim gefunden und damit Raum geschaffen hatte, stimmte die Museumsleitung zu.

Groß und bildreich

"Hier, in seiner angestammten Kirche, ist er auch richtig aufgehoben. Er steht unter regelmäßiger Beobachtung von Restauratoren und wird von den Menschen geschätzt", sagt Daniel Hess, der seit Juli 2019 Generaldirektor des GNM ist und selbst häufig Führungen anbietet. Einzigartig sei der Altar nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen des wechselvollen Bildreichtums. Am spannendsten sei der Altar in der Passionszeit, wenn Christi Leiden in für die damaligen Verhältnisse und auch für heutige Augen noch immer schmerzhaft realistischer Deutlichkeit gezeigt wird: blutüberströmt, angespuckt, gegeißelt. "Das gab es vorher nicht. Jesus war bisher immer als König gezeigt worden, jetzt als Mensch in all seiner Schwachheit", erklärt der Kunsthistoriker.

Dietrich Kappler vom Hersbrucker Kirchbauverein, Dekan Tobias Schäfer und Pfarrer Thomas Lichteneber halten die Kunst in der Stadtkirche hoch.
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Dietrich Kappler vom Hersbrucker Kirchbauverein, Dekan Tobias Schäfer und Pfarrer Thomas Lichteneber halten die Kunst in der Stadtkirche hoch.

Die "Regiekunst" der damaligen Maler und Schnitzer könne man heute nur noch mit Koryphäen wie Steven Spielberg vergleichen. Das gelte nicht nur für die "harten Szenen". Hess verweist auf eine Darstellung der Gottesmutter Maria, die ihre ebenfalls schwangere Verwandte Elisabeth besucht. Im Hintergrund Zacharias, der stumm geworden ist, abseits sitzt und mit einem Hund spielt. "Wie stellt man Stummsein dar? Die Meister des Altars haben es geschafft", so Hess weiter. Es gebe keinen hundertprozentigen Beweis, wer diese seien. Doch viele Spuren wiesen darauf hin, dass der Altar der Werkstatt Wolfgang Katzheimers in Bamberg entstammt.

Themen für die Predigt

Doch nicht nur Kunsthistoriker kommen beim Anblick der "Predigt in Holz und Farbe", wie der damalige Dekan Karl Grünwald dieses bedeutende Zeugnis fränkischer Sakralkunst 1997 nach seiner Restaurierung bezeichnete, ins Schwärmen. Dessen aktuell amtierender Nachfolger Tobias Schäfer hat auch schon über den Altar und die Assoziationen, die er in ihm weckt, gepredigt.

Schäfer verweist auf das sogenannte "Weihnachtsbild", das Engel, Hirten, Maria und das Jesuskind kurz nach seiner Geburt zeigt. Alle Figuren sind in bemerkenswert geraden Linien gezeichnet – nur Jesus liegt quer. War der Gottessohn also ein Querdenker? "Natürlich nicht in heutigem Sinne", lacht Schäfer. Aber für ihn bedeute diese Darstellung, dass mit Jesus ein Mensch zur Welt gekommen sei, der eben konträr zur gewohnten Weltordnung predigte und handelte. Und das habe er, folge man den spätgotischen Künstlern, bereits als Baby gezeigt.

Dietrich Kappler vom Hersbrucker Kirchbauverein verweist in der Vielzahl an "Hingucker"-Motiven des Altars noch auf eine Gruppe von Aposteln in der Sterbeszene, von denen einer eine runde Bügelbrille trägt. "Diese Form verbreitete sich erst im 15. Jahrhundert, der erste Brillenmacher ließ sich 1478 in Nürnberg nieder, der Altar ist um 1485 entstanden", verrät Kappler und verweist auf einen erst auf den zweiten Blick auffallenden, wie ein etwas zu groß geratenes Kinderspielzeug wirkenden "Palmesel".

Der Palmesel wurde einst bei Prozessionen durch die Straßen Hersbrucks gezogen.
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Der Palmesel wurde einst bei Prozessionen durch die Straßen Hersbrucks gezogen.

Die Holzfigur aus dem 16. Jahrhundert steht auf einem Holzwagen, auf ihm ein segnender Jesus. "Viele Jahre lang wurde diese Plastik am Palmsonntag durch die Straßen gezogen, um den Einzug Jesu in Jerusalem nachzustellen", sagt Kappler. Nur wenige solcher Palmesel sind noch gut erhalten, wie diese Leihgabe des GNM.

Zerbrechlicher Zyklus

Daneben gibt es mit dem Glasgemälde-Zyklus noch ein weiteres, echtes Unikat in der Stadtkirche Hersbruck. Dieser sei, so Daniel Hess, zur Zeit Kaiser Karls IV. entstanden und deutet nicht nur auf eine enge Verbindung von Nürnberg mit Prag hin, sondern sei ein Bindeglied fränkisch-böhmischer Kunst, das seinesgleichen suche.

Und dann findet man an diesem Ort noch mit der kleinen Chororgel im Chorraum aus der Partnergemeinde Plau am See (Mecklenburg-Vorpommern), den einen modernen Kontrast zum Altar darstellenden Paramenten aus Neuendettelsau oder dem Gemälde des einstigen Bürgermeisters Sigmund Faber, der die Stadt Hersbruck per Kniefall im 30-jährigen Krieg vor der Einnahme gerettet hatte, einige der vielen Geschichten, die Kirchenführer in dieser Kirche noch erzählen können, oder die man in dem Faltblatt und anhand der Beschilderung nachlesen kann.

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