Selbstbestimmt sterben oder nicht?

Die Referenten: Pfarrer Alexander, Moderator Michael Schubert, Pfarrerin Kathrin Klinger und Dr. Wolfram Gröschel (v. links).
Bildrechte: Hans Peter Miehling (Hersbrucker Zeitung)
Veranstaltung mit Diskussion zum ärztlich assistierten Suizid fand viele Interessierte

Vor gut eineinhalb Jahren hatte das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum strafrechtlichen Verbot der Suizidassistenz klar Stellung bezogen und einen Prozess in Gang gesetzt, der Juristen, Ärzte, Politiker, Ethiker und Kirchenvertreter vor enorme Herausforderungen stellt. Lösungen sind noch nicht in Sicht. Die öffentliche Diskussion ist coronaauflagenbedingt in Vortrags- und Diskussionsabenden für weite Kreise der Bevölkerung bislang nicht möglich. Dabei brauchen Betroffene und ihre Angehörigen Klarheit, Orientierung und Wegweisung.

Umso erstaunlicher nun die Form, die die Veranstalter gewählt hatten. Als "gemeinsame spirituelle Suche" unter der Überschrift "der ärztlich assistierte Suizid" war die Veranstaltung tituliert. Mit dem leitenden Pfarrer in den katholischen Gemeinden im Pegnitztal und stellvertretenden Dekan Stefan Alexander, mit Pfarrerin Katrin Klinger, Seelsorgerin in Henfenfeld und stellvertretende Dekanin im evangelischen Dekanat Hersbruck, und Dr. Wolfram Gröschel, Internist, Onkologe und Palliativmediziner aus Lauf, standen versierte Referenten und Gesprächspartner zur Verfügung. Dazu gesellten sich gut 100 interessierte und diskussionsfreudige Besucher.

Den Auftakt des Abends bildeten die Statements der beiden Kirchenvertreter. Pfarrer Stefan Alexander berichtete persönlich aus seiner Praxis als Seelsorger und den Begegnungen mit Schwersterkrankten, die keine Perspektive in die Zukunft mehr sehen. "Die alten religiösen Rezepte zählen heute nicht mehr", so der Laufer Geistliche. Statt religiöser Floskeln steht für Alexander oft schweigendes Aushalten im Vordergrund. Dabei priorisierte er ein "Leben in Würde bis zum Schluss" und warnte vor einer "Ökonomisierung des Lebens", weil Pflege Arbeit und Geld kostet.

"Sterben gehört dazu"

Pfarrerin Katrin Klinger betonte, dass der Wert des Lebens sich nicht nach den Jahren des Lebens, nach Erfolg und Reichtum, auch nicht durch Krankheit und Sterben bemessen lässt. "Der Mensch ist Geschöpf Gottes. Von daher hat das Leben in jedem Abschnitt seinen Wert an sich", so die evangelische Theologin. Und weiter: "Wir würden gerne aus dem Leben davonlaufen, wenn wir es bedroht sehen. Aber das Sterben gehört wie das Geborenwerden zum Leben dazu." Dies mündet ein in ihren Aufruf: "Da brauchen wir jemanden an unserer Seite!"

Als Mitglied des Palliativ-Care-Teams begleitet der Mediziner Dr. Werner Gröschel seit Jahren Menschen in außerordentlichen gesundheitsbedrohlichen Situationen. Der Arzt und Mediziner interpretierte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ganz sachlich: "Der Mensch darf aus dem Leben scheiden und darf dazu Hilfe in Anspruch nehmen." Allerdings sieht Gröschel die letzte Wegetappe im Leben bei jedem seiner Patienten individuell und ganz persönlich. "Der eine kann loslassen, der andere tut sich schwer." Gröschel sieht dahinter zwei Gründe: es ist die Angst, die Autonomie und Kontrolle zu verlieren, und schließlich die Zerbrechlichkeit des Lebens.

Als Konsequenz empfiehlt Gröschel, dass "wir lernen müssen mit der Ungewissheit zu leben und gleichzeitig Vertrauen aufzubauen, unser Leben in die Hände anderer legen zu können". Der erfahrene Palliativmediziner empfiehlt seinen Zuhörern sich zu Lebzeiten "mit Menschen zu umgeben, denen sie vertrauen und diese Beziehungen zu pflegen". In einem Nachsatz fügt er an: "Und wenn es für Sie zutrifft, dann pflegen Sie ihre Beziehung zu Gott".

Stoff für Diskussionen

Unzweifelhaft ließen die kurzen Statements Fragen hochkommen und sorgten für Diskussionsstoff. Michael Schubert, Co-Geschäftsführer der Caritas im Nürnberger Land und Leiter des Hersbrucker Don-Bosco-Hauses, moderierte die Diskussionsrunde, in der es um darum ging, wie "unerträgliches Leid" definiert wird, ob Angehörige das Mittel für den Suizid verabreichen können ("Der Mensch muss selbst in der Lage sein, sein Ende selbst zu setzen", so die fachliche Antwort) bis hin, ob Ärzte zur Suizidunterstützung verpflichtet werden können ("Nein", so die klarstellende Antwort).

Der Weg für den Gesetzgeber ist noch lang. Es wird Kommissionen, Beratungsorganisationen, lange Zeiträume und Fristen geben. Für die Seelsorger, Ärzte, für Pflegende und Angehörige bleibt inzwischen nur der Weg, im Sterben mitzugehen, Schmerzen zu lindern, Ängste zu nehmen und "Handlanger Gottes" zu spielen. Eben die Hand halten, begleiten und da sein, ausharren und aushalten, mitgehen in der letzten Herausforderung des Lebens, war die einhellige Antwort der Referenten.

Meditative Orgelmusik lud am Ende zum Nachdenken ein. Das Gebet für Sterbende, Angehörige, Pflegende und Hinterbliebene wurde zum Akt der Verbundenheit. Christen sind vom Sterben genauso betroffen, aber sie können über die Grenze von Sterben und Tod blicken und von Hoffnung und Auferstehung reden. Auch das ist Ergebnis der spirituellen Suche an diesem Abend, die gerade erst begonnen und mit diesem Thema noch einen weiten Weg vor sich hat.

Copyright (c) 2021 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 30.09.2021