Wie Stille das Gehör schulen kann

Klangschalen gerieben und angeschlagen: Irmingard Philipow und Anneke Bauer gestalteten ein Konzert mit Naturtoninstrumenten in der Spitalkirche.
Bildrechte: Ute Scharrer (Hersbrucker Zeitung)

Anneke Bauer und Irmingard Philipow überraschen in der Spitalkirche mit unerwarteten Klängen

80 Minuten "Stille", in denen man nicht die eigenen Gedanken dröhnen hört,sondern die unaufdringlichen, aber intensiven Klänge von tibetischen Klangschalen, Monochord und anderen Naturtoninstrumenten. Dieses Geschenk, kredenzt von Irmingard Philipow und Anneke Bauer, nahm eine bis auf die Emporen gefüllte Spitalkirche dankbar in Empfang. Belebt und angeregt drängten sich die Besucher am Ende im Altarraum, um die ungewohnten Instrumente zu bestaunen und auszuprobieren.

Es ist angerichtet – Gedanken an ein Buffet drängen sich auf, wenn im Altarraum lange Tische mit roten Tischdecken bedeckt sind, darauf Schalen in allen Größen. Doch in den Schalen sind keine leiblichen Genüsse, sondern Klänge verborgen.

Offen für Neues

Irmingard Philipow, deren Leben immer schon von Musik geprägt und erfüllt war, die aber erst im Ruhestand die Arbeit mit Naturtoninstrumente aufgenommen und vertieft hat, bedankt sich bei Pfarrer Lichteneber für seine Offenheit. Er hat zugestimmt, die oft mit anderen spirituellen Strömungen verknüpften Instrumente ins Gotteshaus einzuladen. Die Wichtigkeit, dieses zu erhalten, betonte Dietrich Kappler von den Spitalkirchenöffnern noch einmal in seiner Begrüßung – politische Vertreter saßen viele im Publikum. Doch der Worte wurden nicht viele gemacht, dieser Sonntagabend gehörte dem Klang und der Stille.

"Musik beginnt nicht mit dem ersten Ton, sondern mit der Stille davor. Und sie endet nicht mit dem letzten Ton, sondern mit dem Klang der Stille danach", dieses Zitat des Klarinettenaltmeisters Giora Feidman stellen die zwei Frauen in den Raum und beginnen diesen dann zu bespielen.

Durchdringende Töne

Heilpraktikerin für Psychotherapie und Klangtherapeutin Anneke Bauer umstreicht mit einem filzbezogenen Schlegel eine große, kupferne Schale. Zunächst scheint gar nichts zu geschehen, dann steigt langsam von der Schale ein Ton auf, wird unmerklich stärker, bis er den Kirchenraum anfüllt und den Körper zu durchströmen scheint. Doch da hat Anneke Bauer bereits eine weitere, kleinere Schale zum Leben erweckt, deren höherer Ton sich wie ein zarter, durchsichtiger Schleier über den ersten legt.Noch ein Ton kommt dazu und noch einer – bis Irmingard Philipow mit dem zirpenden Klang einer Sansula einsetzt. Die Musik ist im gleichen Maße unaufdringlich wie intensiv. Sie macht dem Hörer keine Vorschriften, welchen Emotionen eines Komponisten oder Songschreibers er in diesem Augenblick folgen soll, sie gibt den Geist frei und ist zugleich sehr körperlich, denn sie scheint in das Summen des Blutkreislaufs vorzudringen.

Ist das langweilig? Keine Minute! Der reduzierte Klang, der weder Melodie noch dramatische ÄnderungenvonRhythmus und Lautstärke enthält, schult das lauschende Ohr, lässt das plötzliche Erklingen eines Regenmachers über dem Klangteppich wie eine akustische Sensation erscheinen.

Trotzdem steigern Philipow und Bauer ihr sorgsam zusammengestelltes Programm aus Musik und Texten zur Stille noch: Der "Gong-Dialog" dröhnt fast schon bedrohlich bis ins Gebälk der Spitalkirche und zeigt doch beim genauen Hinhören eine Fülle von Unterklängen – und die sich gelegentlich einmischendenSchläge der Kirchenglocken.

Geglücktes Experiment

Zu Ende geht das Konzert mit dem gemeinsamen Einsatz des "ältesten Naturtoninstruments", der menschlichen Stimme. Zur unaufdringlichen Grundlage des Monochord "tönen" die Konzertbesucher gemeinsam mit Anneke Bauer. Improvisierter, achtsamer, wortloser Gesang, ein weiteres Experiment, das beglückend gelingt an diesem Abend.

Entsprechend beflügelt kommen viele Konzertbesucher im Anschluss nach vorne, lassen sich die fremdartigen Instrumente erklären und betasten sie.

UTE SCHARRER

Copyright (c)2020 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 12/03/2020