Zwei "zappelnde" Theologen im TV

Rampen- statt Sonnenlicht wird die Hersbrucker Stadtkirche am 30. August beim ZDF-Fernsehgottesdienst erstrahlen lassen.
Bildrechte: Andrea Pitsch (Hersbrucker Zeitung)

ZDF-Fernsehgottesdienst am 30. August um 9.30 Uhr live aus der Hersbrucker Stadtkirche – Helfer werden noch gesucht

Die Stoppuhr ist derzeit der Begleiter von Dekan Tobias Schäfer, Pfarrer Thomas Lichteneber und Dekanatskantorin Heidi Brettschneider: Bei ihnen laufen die Vorbereitungen für den ZDF-Fernsehgottesdienst am 30. August auf Hochtouren.

"Du bist schuld", sagt Lichteneber grinsend zum Dekan. Denn Schäfer kennt die theologische Beauftragte für ZDF-Fernsehgottesdienste, Simone Hahn. "Sie ist eine Kollegin aus Nürnberg und am 30. August ist der Gottesdienst,den sie das erste Mal allein verantworten wird", erklärt Schäfer.

Eigentlich hätte das in Büsum sein sollen, doch die Nordfriesen sagten bereits im Dezember ab. "Sie wollte ihre Premiere dann gerne da machen, wo sie Menschen kennt – und fragte bei der Hersbrucker Stadtkirche an",führt Schäfer weiter aus. Lichteneber sowie der Kirchenvorstand seien sofort dafür aufgeschlossen gewesen. Die Idee: Predigt vom Regionalbischof und Gottesdienst-Gestaltung durch den Dekan.

"Wir haben von einem großen Festgottesdienst geträumt, von einem echten Happening mit einer vollen Kirche", verrät Schäfer. Dann sagte der Regionalbischof ab. Diese Planänderung war noch kein Problem: "Jetzt übernimmt Thomas Lichteneber die Liturgie und ich die Predigt." Dann kam Corona – und die Vorbereitungen standen bis Pfingsten so gut wie still: "Die Leute beim ZDF konnten ja nicht reisen." Dafür ist die Zeit seit Juni nun "sehr arbeitsintensiv", so Schäfer. Es habe zig Besprechungen gegeben mit Licht- und Tontechnikern, Produktionsleitung, Redakteur, Regisseur, Bühnenbauer und Hygienebeauftragtem. "Alle waren schon einmal da", ergänzt Lichteneber. Und alle hätten gesagt: "Das ist eine schöne Kirche" – aber sie habe zu viele Fenster. Um in dem Raum das perfekte Fernsehlicht zu kreieren, sei viel Beleuchtung nötig, hat Schäfer gelernt:"Das macht es aufwendig."DaherwirddasZDFTeam ab 25. August mit rund 30 Mann, fünf Kameras und vier Lastern anreisen und den Aufbau beginnen. "Damit machen wir die Straße für das Wochenende unpassierbar", entschuldigt sich Schäfer, aber die großen Fahrzeuge bräuchten Platz.

Dekan Tobias Schäfer: Wir haben von einem echten Happening mit einer vollen Kirche geträumt.

 

Er und Kollege Lichteneber sind daher über die "hervorragende Kooperation" mit Polizei, Stadtverwaltung, Ordnungsamt und Energieversorger froh. "Der Fernsehauftritt ist eine große Chance für Hersbruck", denkt Lichteneber, schließlich sähen da wöchentlich bundesweit zwischen 700 000 und 900 000 Menschen zu. Und wenn alles klappt, werden Stadt und Kirche ebenfalls zu sehen sein. "Wir organisieren gerade Außenaufnahmen, weil dafür würde das ZDF noch drei Tage mehr Zeit benötigen und das geht aktuell nicht", sagt Schäfer.

Auf Reserve

Der Zeitplan ist durchgetaktet: Donnerstag und Freitag stehen ganz im Zeichen der Freitagsproduktion. "Das ist ein Dreh für die Konserve",so der Dekan – ohneZuschauer und mit Ehepaar Bammessel und Kirchenmusikdirektor Gerd Kötter als Hauptpersonen.

Richtig ernst wird es für Schäfer, Lichteneber und Brettschneider bei der Generalprobe am Samstag: 44,5 Minuten darf der Live-Gottesdienst am Sonntag um 9.30 Uhr dauern. Der Regisseur werde den Mitwirkenden dann sagen, wo noch 20 Sekunden weg müssen, wo welche dazu. "Wir brauchen eine große Flexibilität vor allem in den Liedern", berichtet Schäfer.

Daran tüftelt gerade Heidi Brettschneider intensiv: "Ich muss bei fast jedem Takt angeben, wer was spielt und wie lange das dauert." Für die fünf externen Berufsbläser habe sie eigens ein Arrangement geschrieben, verrät sie. Das Hygienekonzept machte den Auftritt von Posaunen-, Gospelchor und Kantorei zunichte. Immerhin acht Sänger aus beiden Chören darf Brettschneider aufbieten: "Mit einem vierstimmigen Vokalensemble kann man gut agieren." Zwei Stücke wird Gordon Bär auf dem E-Piano spielen – "damit es noch abwechslungsreicher wird". Denn die drei haben gelernt, warum viel Musik im Fernsehen wichtig ist: "Wenn einer drei Minuten in die Kamera redet, schalten die Leute weg", gibt Schäfer sein neues Wissen weiter,"daher braucht es mehr Wechsel". Vielleicht sei das auch eine Anregung für künftige Gottesdienste, überlegt er.

Und noch mehr Vorgaben kommen von den Fernsehmachern: Die kleine Gemeinde wird nicht singen dürfen. Mit Maske sähe das im TV nicht gut aus, daher lieber nicht singen und dafür ohne Maske gut aussehen, das sei das Argument des Regisseurs gewesen, so Schäfer. "Man kann ja vorm Bildschirm mitsingen", scherzt Lichteneber.

Aber warum "kleine Gemeinde"? "Das Hygienekonzept hat alle unsere Hoffnungen auf einen Festgottesdienst zunichte gemacht", erläutert Schäfer: Mit Team, Helfern, vier Lesern, Musikern und zwei Pfarrern sind noch 20 Einzelpersonen im Gotteshaus erlaubt. "Wenn viele Hausgemeinschaften kommen, geht vielleicht etwas mehr", sinniert Schäfer. Eine Anmeldung ist jedenfalls unbedingt nötig. Interessant sei, habe Hahn ihnen gesagt, dass sich ohne Publikum mehr Zuschauer in die Live-Übertragung hineingezogen fühlen als mit.

Freie Hand hat das ZDF den beiden Pfarrern bei der Themenwahl gelassen: Alltagsturbulenzen, Wohlfühlregion, Natur, Freizeit, Druck, Entspannung, Ferien, Balance – das seien Stichworte gewesen, die den beiden eingefallen seien. "Wie finde ich die Mitte", werden sie nun fragen.

Mit dem Rotstift

Na ja, fast freie Hand: "Es sind zwar unsere eigenen Texte, aber Simone Hahn geht alle mit uns durch", erzählt Lichteneber. Sie sei die Schnittstelle zwischen Liturgie und Regisseur. "Da wird alles auf die Sekunde gestoppt." Schäfers Predigt ist dem Zeigerregiment bereits teilweise zum Opfer gefallen: Ein Drittel wurde für gut befunden, eines muss er überarbeiten und eines streichen. "Und das passt", gibt der Dekan zu, "es ist zwar theologisch wichtig, aber fürs Fernsehen nicht nötig".

Zusätzlich haben sich beide noch von einer Beauftragten des ZDF coachen lassen, verraten sie. "Es ist gut zu wissen, wie man sich bewegt, weil das Publikum vor Augen ist ja nicht das vorm Fernseher", ist Dekan Schäfer mittlerweile richtig bewusst geworden.

"Ihr zappelt", das hätten sie sich schon anhören müssen von Hahn. Daher wird es für Schäfer bei der Generalprobe besonders interessant: "Erst da wird sich entscheiden, ob ich von der Kanzel predige oder nicht." Redakteur und Kameramann wären für den exponierten Platz, Regisseur und Hahn nicht.Für Schäfer ist damit eher die Frage verbunden: "Habe ich ein Buch vor mir liegen oder einen Zettel? Und was mache ich dann mit den Händen?" Alle drei finden diese Einblicke in die Produktion einer Fernsehshow "eine spannende Sache, auch wenn wir alles anders machen als sonst".

Für den Besuch des Gottesdienstes kann man sich ab 17. August im Pfarramt unter Telefon (0 91 51) 8 13 24 auf eine Liste setzen lassen.

Copyright (c) 2020 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 01.08.2020

Freiwillige gesucht

Wer Spaß hat, hinter die Kulissen einer TV-Produktion zu blicken, der ist als Helfer richtig: Für die Technik sucht die Kirchengemeinde noch ein festes Team von sechs Leuten ab 16 Jahren,die anpacken, unter anderem Kabel tragen, das Licht einstellen und den Profis zur Hand gehen. Die Einarbeitung wäre für alle am Dienstag, 25. August. Die Einsatzzeiten sind jeden Tag etwas verschieden und werden mit allen Helfern abgestimmt. Es gibt Verpflegung und Getränke und eine kleine Aufwandsentschädigung.

Noch zehn Freiwillige sind für das Zuschauertelefon am 30. August nach dem Gottesdienst nötig. Diese müssten sich die Übertragung ansehen und danach am eigenen Festnetz-Telefon zur Verfügung stehen, um Rückmeldungen von Zuschauern entgegen zu nehmen. Die allgemeine Nummer wird für die zwei Stunden des Einsatzes aufs eigene Telefon umgeleitet. Die Helfer arbeiten im Schichtdienst zu je zwei Stunden bis 19 Uhr.

Freiwillige und Interessierte können sich ab sofort im Pfarramt der Stadtkirche melden. Telefon: (0 91 51) 8 13 24.