Ein Palmesel auf Achse

Auf einer Eselin sitzend, mit zum Segen erhobener Hand, damit ähnelt der Hersbrucker Palmesel allen erhaltenen Varianten
Bildrechte: Ute Scharrer (Hersbrucker Zeitung)

Einer der wertvollsten Kunstschätze Hersbrucks hat wahrlich eine bewegte Geschichte

Hersbruck – Stadtkirche Hersbruck – Germanisches Nationalmuseum – Hirtenmuseum – Stadtkirche – Germanisches Nationalmuseum – und wieder Stadtkirche: In den rund 500 Jahren seit seiner Entstehung hat der Hersbrucker Palmesel eine kleine Odyssee unternommen. Wurde er anfangs an einem Seil bei der Palmsonntagsprozession durch die holprigen Gassen der heimischen Altstadt gezogen, zählen später zu seinen Transportfahrzeugen der VW-Bulli der Stadtkirchengemeinde und ein Spezialfahrzeug des Museums. Der Palmesel könnte von Abstellräumen und Kellern ebenso berichten wie von seinem Standplatz in Museen. Er überstand es, in einer Bombennacht im Zweiten Weltkrieg verschüttet und zertrümmert zu werden. Heute kann er – die Spuren seines langen Lebens sichtbar – wieder in seiner Heimatkirche besucht werden.

Der Palmsonntag läutet im Kirchenjahr die Karwoche ein. Im Bibelgeschehen zugeordnet ist dem Palmsonntag der Einzug Jesu in Jerusalem auf einer Eselin. Begeisterte Anhänger streuten damals Palmzweige auf den Weg in die Stadt und breiteten ihre Mäntel vor den Hufen des Tieres aus. Damit erfüllte Jesus buchstabengetreu die Prophezeiung des alttestamentlichen Propheten Sacharja, dass der "König Jerusalems" arm und auf einem Esel dort einreiten würde. Während Jesus selbst ein spirituelles Ziel anstrebte, jubelte das Volk einem vermeintlichen Revoluzzer zu.

Laut einem Aufsatz von Monika Bosen wird über Palmsonntagsumzüge im Gebiet des heutigen Deutschland erstmals im 10. Jahrhundert berichtet. Bischof Ulrich von Augsburg beschreibt in lateinischer Sprache die Skulptur des auf einem Esel reitenden Christus: "…effigie sedentis Domini super asinum" - "Das Bild des Herrn sitzend auf einem Esel". Aus der biblischen Überlieferung wissen wir: Es war eine Eselin, auf der noch nie ein Reiter gesessen hatte.

Bilder statt Buchstaben

Schnitzwerke dieser Art wurden also auf einem Wägelchen um die Kirche und durch die Stadt gezogen. Denn der Durchschnittsbürger beherrschte damals nicht die in der Kirche übliche lateinische Sprache und konnte in der Regel nicht lesen. Das ist Anlass für die reich bebilderten Altäre des Hochmittelalters, die ebenso wie die Palmesel das biblischen Geschehen vor den Augen des Volkes lebendig werden lassen.

Ritten bei den Prozessionen anfangs noch die Kleriker selbst auf dem hölzernen Esel, durften nach und nach auch Kleinkinder vor und hinter der Christusfigur aufsitzen – für einen Kreuzer an den Kirchdiener. Der Esel war teilweise so mit Eierketten und Blumenkränzen behangen, dass die Christusfigur kaum mehr zu erkennen war. Auch der Hersbrucker Palmesel, der im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts von einem unbekannten Meister erschaffen wurde, war wohl auf diese Art im Einsatz.

Als "Palmwedel", die man vor dem heiligen Gefährt ausbreitete, kamen in Franken heimische Pflanzen zum Einsatz. Vom Klerus wurden diese Zweige Tage später verbrannt und zu der Asche, mit der sich am "Aschermittwoch" die büßenden Gläubigen ein Kreuz aus Ruß auf die Stirn zeichneten. Im Nürnberger Raum wurde der Palmsonntag auch salopp der "Bollnsunnta" genannt. Aus Freude über die Rückkehr des Frühlings und die Möglichkeit, wieder im Freien zu spielen, bekamen die Kinder Bälle geschenkt. Die erinnerten außerdem an die "Bällchen", die die Eselin Jesu zweifellos ebenfalls fallen ließ.

Um 1525 hielt die Reformation in Hersbruck vergleichsweise früh Einzug und die volksfestähnlichen Umzüge mit "Jahrmarkt und Mummenschanz" waren auf einmal nicht mehr gern gesehen. In in "Fränkisches Brauchtum" von Karlheinz Goldmann heißt es: "Das Gaugkelspiel mit dem hergot und Esel am Palmtag wird nit mer gespielt… ist dadurch Christus zum Spielmann gemacht." Außerdem wird ein Franz Sebastian Meidinger häufig zitiert, der 1805 trocken feststellt: "Außer dem Esel und dem Heiland kam wohl niemand nüchtern heim."

Und so verschwand der Hersbrucker Palmesel das erste Mal in Versenkung – wo, das weiß man nicht genau, jedenfalls aber für die nächsten 300 Jahre.

1866 klopfte dann Freiherr Hans von und zu Aufseß in Hersbruck an, um sich nach Kunstwerken für sein 1852 gegründetes Germanisches Nationalmuseum (GNM) zu erkundigen. Aufseß wollte im GNM die Einheit des germanischen Kulturraums dokumentieren. Die protestantische Kirchengemeinde schenkte ihm das langohrige Überbleibsel katholischen Brauchtums und für fast 100 Jahre war der Esel im Nürnberger Museum zu sehen. Eine dramatische Zäsur stellte eine Bombennacht 1945 dar. Die Geuder-Kapelle, in der der Esel ausgestellt war, wurde in einen Trümmerhaufen verwandelt. In dem lag das zerborstene spätmittelalterliche Kunstwerk zwei Winter lang begraben.

Als 1955 das "Heimatmuseum" in Hersbruck, heute "Hirtenmuseum", den Esel als Exponat für den damals bestehenden "sakralen Raum" ausleihen wollte, war er schon wieder notdürftig zusammengesetzt. Sein Wert wurde damals mit 5000 DM im Leihvertrag beziffert. Der sakrale Raum im Heimatmuseum wurde bald wieder aufgelöst, der Esel einmal mehr "abgeschoben", diesmal nur für knapp 40 Jahre.

Im Bulli ins Museum

In den späten 1990er Jahren erinnerte sich nämlich im Zuge der Renovierung von Stadtkirche und Altar der damalige Dekan Karl Grünwald an den Palmesel. Mit Beatrice Kappler, Kirchenvorsteherin und Beauftragte für die Kunstschätze der Stadtkirche, holte er im gemeindeeigenen VW-Bulli in Absprache mit der Leiterin des Hirtenmuseums den Esel "nach Hause". Erst in den Folgetagen stellte sich heraus: Der Esel ist nicht Eigentum der Kirchengemeinde Hersbruck, sondern des Museums in Nürnberg. Mitarbeiter des GNM signalisierten auch rasch, man solle den Esel nicht mehr unnötig berühren, er werde in einem Spezialfahrzeug abgeholt. Nach Jahrzehnten, ja Jahrhunderten in Kellern, Kammern und Winkeln kehrte also der Esel in das "normale", klimatisch ausgeglichene Habitat eines Museums zurück.

Doch Dekan Grünwald und Beatrice Kappler wollten eigentlich nicht so recht einsehen, warum der Hersbrucker Esel die Palmesel-Population im GNM von zwei auf drei erhöhen sollte. Im dortigen Depot hätte er der Forschung gedient, wäre aber nicht ausgestellt gewesen. Sie stellten also den Antrag, den Esel an den Ort seiner Entstehung zurückholen zu dürfen. Zunächst lehnte das GNM ab. Ein Ausstellungsstück außerhalb der Mauern des Museums: Da wollte man keine Präzedenzfälle schaffen. Beatrice Kappler aber wollte noch nicht aufgeben.

Wer durch ihren umfangreichen Ordner mit Bittbriefen, höflichen Anfragen, ausweichenden oder abschlägigen Antworten und schließlich nach und nach zögerlichen Zusagen blättert, bekommt eine Vorstellung von der Hartnäckigkeit, die nötig war, um das volkstümliche Kleinod wieder an seinen Entstehungsort zurück zu holen – sechs Jahre zog sich das hin. Eine Bedingung des Museums stellte Beatrice Kappler vor eine echte Herausforderung: Das GNM würde einer Verlegung des Palmesels zustimmen, wenn dieser fachgerecht restauriert würde – auf Kosten der Gemeinde. 60 000 Mark mussten aufgetrieben werden. Für Beatrice Kappler begann eine Tätigkeit, die man heute im Fachjargon als "Fundraising" bezeichnet. Dank ihrer Ausdauer und großzügiger Spenden auch von privat – den Löwenanteil übernahm ein Nürnberger Rotary-Club – kam die Summe zusammen.

Übertragen wurde die Aufgabe an Oliver Mack, der im GNM ausgebildet wurde und heute der dortige Chefrestaurator ist. Die Arbeit, ein geschätztes "Mannjahr" teilte er sich mit Kollege Markus Küffner. Aus einem Jahr wurden eineinhalb Jahre und 1000 Arbeitsstunden.

Der große Tag für Hersbruck und seinen Esel nahte mit dem 24. Mai 2001. Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin predigte im Festgottesdienst, in dem der Palmesel zum vorerst letzten Mal in Bewegung gesetzt wurde: Aus dem hinteren Ende des Kirchenraums wurde der Esel nach vorne in den Chorraum gezogen, wo er "nach 135 Jahren Wanderschaft" seinen endgültigen Standplatz gefunden hat. Für die Versicherung des nun auch alarmgeschützten Kunstwerks wurde dieses auf 250 000 DM geschätzt.

Neben den begeisterten Reaktionen im großen Umkreis, der sich in vielfachen Presseberichten spiegelt, wurde auch Kritik laut. "Was braung mier so a alts Zeich in unserer Kerch?", lautete die leicht ernüchternde Zusammenfassung der restauratorischen Bemühungen aus dem Mund von Gemeindegliedern.

Aus dem Kreis der großzügigen Sponsoren waren zum Festgottesdienst auch zwei Radler aus dem Nürnberger Raum nach Hersbruck gestrampelt: "Auf dem Drahtesel zum Palmesel" titelten sie ihren anschließenden launigen Bericht. Der Zug des Esels durch das Kirchenschiff weckte in ihnen Erinnerungen an das im Vorjahr besuchte Hersbrucker Eselrennen und ein Detail fiel den beiden besonders auf: "Selten ist auf einem offiziellen Empfang so oft der Name Esel gefallen!"

"Macken" als Zeugnis

Die Missbilligung mancher Betrachter, der Esel sehe ja "genauso oll aus wie davor" geht wohl auch auf die heutigen Methoden des fachgerechten Restaurierens zurück. Versuchte man früher, einen Zustand der Vollständigkeit zu erzielen, also auch zu reparieren und freizulegen, ist heute der konservatorische Gedanke viel wichtiger. Das Kunstwerk soll als zeitgeschichtliches Zeugnis erhalten und für zukünftige Jahre geschützt werden. Deshalb fehlt der Schwanz des Hersbrucker Esels immer noch, es sind abgebrochene Finger nicht ersetzt worden. Mit großer Vorsicht und nur nach sorgfältigem Abwägen ist das "Loch im Kopf" vorsichtig geschlossen worden, um den Blick nicht zu sehr auf diese offensichtliche "Wunde" zu lenken.

Diese sichtbaren "Spuren des Lebens" können jedoch auch symbolisch verstanden werden. So wie früher Bildnisse nötig waren, um der nicht alphabetisierten Bevölkerung das biblische Geschehen nahe zu bringen, können Bildwerke auch heute helfen, VerlorenGegangenes neu zu entdecken und mit Bedeutung zu füllen. Als Symbol des Friedens – "…auf einem Esel reitet kein Diktator…!", hatte Regionalbischof Röhlin gepredigt – ist der Hersbrucker Palmesel erschreckend aktuell und absolut zeitlos.

UTE SCHARRER

Copyright (c) 2022 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 09.04.2022