Kirchenväter im Spotlight

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Bildrechte: W. Thiessen

Evangelisches Forum und Gäste überraschten mit Themenabend auf höchstem Niveau

HERSBRUCK – Die Hersbrucker kennen das Schmuckstück der Stadtkirche: den Kirchenväteraltar. Aber kennen sie ihn wirklich? Das evangelische Forum lud zu einem Einblick in die Tiefen und Untiefen der ehrwürdigen Herren. Auf dem wunderbaren Schnitzaltar mit der prachtvollen farbigen Fassung bescherten die Darbietenden mit gezieltem Scheinwerferlicht, Lesungen und musikalischen Einlagen vom Allerfeinsten eine Meditationsstunde der avantgardistischen Art.

So haben die Hersbrucker ihren Altar noch nie gesehen: In blutrotes Licht getaucht erscheinen die Kirchenväter Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Gregor mit Maria in ihrer Mitte ominös und geheimnisvoll. Das ist sehr passend, denn auch die dunklen Seiten der Kirchenreformatoren kommen zu Wort, von ihrem Antijudaismus bis zur Verfolgung nichtchristlicher Minderheiten.

Doch der Abend beginnt zunächst ganz leise, ja so verhalten, dass die plaudernden Besucher erst gar nicht mitbekommen, dass die Orgel bereits eingesetzt hat. Erst ein durch das Kirchenschiff mäanderndes Glöckchen zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Diese kleinen Irritationen und Überraschungen bleiben prägend für einen Abend, der durch superbe musikalische Improvisationen Stimmungen hervorruft und die Denkpausen zwischen den Originaltexten der Kirchenmänner zu kleinen Meditationen adelt.

Reißender Klangfluss

Christoph Naucke weiß als Percussionist die zarten Töne der Chimes ebenso einzusetzen wie Becken oder unvermittelt aufrüttelnde Trommelwirbel. An der Orgel sitzt Kirchenmusikdirektor Gerd Kötter, der auch das musikalische Konzept erarbeitet hat. Die Orgeltöne lässt er jenseits von Chorälen und Motetten leise säuseln und steigert sie zum wilden Strudeln eines reißenden Klangflusses.

Eine Kostbarkeit des Abends ist Jeanne Vogt an der Violine. Aus dem Halbdunkel des Altarraums verzaubert sie klammen Fingern zum Trotz mit experimentellen Techniken:siezupftundschlägtdie Saiten, sie schrammt und fiedelt mit fiebriger Nervosität und setzt den musikalischen Temperamentsausbrüchen dann wieder zarteste melodiöse Sequenzen entgegen.

Die einzigen Protagonisten mit „Skript“ sind Tenor Maximilian Vogt, der Gregorianischen Gesang und eine maryanische Hymne engelsgleich von der Empore erklingen lässt, Magnus Reichelt, der als Beleuchter punktgenau das Spotlight auf die Gesichter der lebensgroßen Altarfiguren ausrichtet, und sein Vater, Pfarrer Alexander Reichelt, der Zitate der Kirchenväter vorliest und sie in einen Lebenslauf einbindet.

Die Kirchen-Väter heißen ja nicht umsonst so: jeder der vier im Altar von Hersbruck verewigten Männer haben in der vorreformatorischen Kirchengeschichte Wellen geschlagen, die teils bis in unsere Zeit schwappen, so etwa das „Te Deum“, das anlässlich der Taufe von Augustinus 387 n.Chr. Komponiert wurde und von Luther, Händelund Brucknervertont-aber eben auch vom Zeitgenossen Arvo Pärt.

Poetische Töne

Bei Ambrosius klingen unvermutet poetische Töne in seiner Gottesverehrung an. Sie werden nur noch von Augustinus übertroffen — der beschreibt seine Liebe zu Gott als nachgerade sinnliches Erleben, als „Umarmung der inneren Seele“.

Der kuriose Fakt, dass der Einsiedler Hieronymus in Bethlehem eine Jugendbewegung auslöste, die sich im 4. Jahrhundert einem Keuschheitsexperiment verschrieb und christliche „Schlager“ populär machte, schlägt den Bogen ins Heute ebenso wie die Tatsache, dass schon Kirchenvater und Papst Gregor die Kirche als den einen stabilen Faktor in einer zerfallenden Welt empfand.

Unglaublicher Aufstieg

Vier facettenreiche und vom Leben gezeichnete Männer also — und was ist mit der Frau in ihrer Mitte? Deren Jungfräulichkeit war für die flankierenden Herren unangezweifelt und unabdingbar für ihre Lehren. Der fast unglaubliche Aufstieg des einfachen Mädchens aus Nazareth zur Himmelskönigin und Gottesmutter Maria scheint die geschnitzte Figur im Zentrum des Altars nicht anzufechten. Sie hält den Blick auf das Kind auf ihrem Arm gerichtet und ihr schöner, zum Abschluss verlesener Lobgesang zeugt von Demut: „Meine Seele erhebt den Herrn (...) denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen (…) und große Dinge an mir getan.“

UTE SCHARRER

Die Kirchenväter Augustinus, Gregor, Hieronymus und Ambrosius (von links) mit Maria in ihrer Mitte wurden mit Scheinwerfern hervorgehoben. Fotos: U. Scharrer

Copyright (c) 2018 Verlag Nuernberger Presse, Hersbrucker Zeitung, Ausgabe 09.02.2018